Medienpolitik | 16. Oktober 2025
OBS-Studie: Verständlicher Journalismus stärkt demokratische Teilhabe
Rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland haben Schwierigkeiten mit komplexeren Texten oder audiovisuellen Informationsangeboten. Sie gelten als Menschen mit geringer Literalität – komplexere Medienbeiträge bleiben ihnen somit häufig verschlossen. Darauf verweist eine aktuelle Studie eines Forschungsteams der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die im Auftrag der Otto Brenner Stiftung durchgeführt wurde. Die Untersuchung zeigt, wie Menschen mit geringen Lesekompetenzen Nachrichten wahrnehmen – und was Journalistinnen und Journalisten tun können, um diese besser zu erreichen.
Die Studie will darüber hinaus erste Anhaltspunkte dafür bieten, wie sich Konzepte von Leichter Sprache und Einfacher Sprache an den Journalismus anpassen lassen. Die Unterschiede der beiden Konzepte spielen dabei eine untergeordnete Rolle: Die Studie stellt sowohl Angebote in Leichter Sprache vor, die nach einem festen Regelwerk gestaltet sind, als auch solche in Einfacher Sprache, die näher an der Standardsprache liegen.
Wie Menschen mit geringer Literalität Medien erfahren
Für die Untersuchung wurden 28 ausführliche Gespräche mit Betroffenen geführt. Dabei zeigte sich: Die meisten der befragten Menschen mit eingeschränkter Literalität halten Medien und Journalismus für wichtig. Journalistische Inhalte, vor allem politische Themen oder Zeitungsberichte, sind für sie jedoch schwer zugänglich. Studienleiterin Prof. Dr. Friederike Herrmann warnt: „Für eine demokratische Gesellschaft ist es ein großes Problem, wenn politisch und gesellschaftlich wichtige Informationen 12 Prozent der erwachsenen Bevölkerung kaum erreichen.“
Inhaltlich interessieren sich die Befragten besonders für Themen mit Bezug zum eigenen Erfahrungsbereich und zur näheren Umgebung. Abstraktere Inhalte werden besser angenommen und verstanden, wenn sie mit emotionalen Zugängen erzählt werden und Empathie wecken.
Insgesamt wird ein stärker serviceorientierter Journalismus gewünscht, der den Betroffenen die gesellschaftliche Teilhabe erleichtert – zum Beispiel durch vertiefende und verständliche Informationen zu Wahlen und deren Abläufen.
Formate wie „nachrichtenleicht“ vom Deutschlandfunk oder die „tagesschau in Einfacher Sprache“ werden von den Befragten zwar positiv bewertet, sind aber kaum bekannt. Hier sehen die Forschenden Handlungsbedarf: Informationsangebote müssten leichter auffindbar sein und besser verbreitet werden.
Als mögliche Wege nennt die Studie Nachrichten, die über Messenger-Dienste verbreitet werden, oder Apps mit unterschiedlichen Verständlichkeitsstufen. Darüber hinaus könnten KI-Tools genutzt werden, um Texte ressourcenschonend an verschiedene Sprach- und Lesefähigkeiten anzupassen.
Tipps für die journalistische Praxis – Mit leicht verständlichen Beiträgen mehr Menschen erreichen
Die Ergebnisse machen deutlich: Verständliche Sprache im Journalismus ist keine Nische, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Teilhabe.
Doch was können Journalistinnen und Journalisten selbst tun, um Menschen mit geringer Literalität mit ihren Inhalten zu erreichen?
Aus den Ergebnissen leitet die Studie Empfehlungen für die journalistische Praxis ab:
Der Wunsch nach einem Journalismus, der sich stärker an den praktischen Informationsbedürfnissen der Menschen orientiert, erfordert Beiträge, die komplexe Sachverhalte wie etwa juristische oder politische Vorgänge klar und verständlich einordnen und erläutern. Zudem bevorzugen viele der Befragten audiovisuelle Medien gegenüber der Textberichterstattung. Bilder können jedoch das Textverständnis unterstützen. Sie sollten nicht symbolhaft sein, sondern die Protagonisten des Artikels bei konkret im Text beschriebenen Tätigkeiten zeigen.
Die Studienautoren empfehlen außerdem, bei der Berichterstattung darauf zu achten, dass diese an Erfahrungen der Rezipienten anknüpft. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung lokaler journalistischer Angebote für die demokratische Gesellschaft betont. Mit Reportageformaten, die einen emotionalen Zugang zu ihrem Thema finden oder Empathie wecken, könnte darüber hinaus auch das Interesse an abstrakteren Themen geweckt werden.
Fazit
Der Deutsche Medienverband tritt seit Langem für den Ausbau von leicht verständlichen journalistischen Angeboten ein. Denn journalistische Qualität endet nicht bei der Recherche und einer sorgfältigen Arbeitsweise in der Berichterstattung. Journalistinnen und Journalisten müssen auch bedenken, ob sie von ihrem Publikum verstanden werden.
Mit einem entsprechenden journalistischen Angebot kann eine große Zielgruppe von Menschen mit Deutsch als Fremdsprache sowie mit begrenzter Lese- und Schreibfähigkeit erreicht werden. Wir begrüßen die Handlungsempfehlungen in der vorgestellten Studie und rufen dazu auf, mehr journalistische Angebote zu schaffen, die in leicht verständlicher Sprache informieren.
Die Studie „Journalismus leicht verständlich. Berichterstattung für Menschen mit eingeschränkter Literalität“ steht auf der Seite der Otto Brenner Stiftung zum Download zur Verfügung.